Das gefrorene Lachen by Susanne Gerdom

Das gefrorene Lachen by Susanne Gerdom

Autor:Susanne Gerdom
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Ueberreuter
veröffentlicht: 2011-01-30T05:00:00+00:00


13

Nicht jede Wolke erzeugt ein Ungewitter.

Heinrich IV.

»Ein Theater?« Der Wirt hob gleichgültig die Schultern. »Na und?«

Der Fuhrmann Jasper spuckte zielsicher in den Spucknapf zu seinen Füßen und beugte sich vor: »Ein richtiges Theater, Gustav! Nicht diese von oben verordnete Langeweile!«

»Richtiges Theater, wie früher?« Die Wirtin steckte den Kopf aus der Küche. Tellerklappern, Töpfescheppern, Topfdeckelklirren begleitete ihr Erscheinen. Ihr rundes Gesicht war rot von der Hitze und der Anstrengung. Sie wischte mit dem Unterarm über die Stirn und wiederholte: »Wie früher? Mit Schauspielern, die einen zum Weinen und zum Lachen bringen? Stücke, in denen es um Liebe und Verrat geht? Musik, die das Herz anrührt?« Ihre Augen leuchteten voller Sehnsucht.

Die beiden Männer wechselten einen verständnisinnigen Blick. Frauen!, schien er zu sagen.

»Jedenfalls scheint es keiner dieser behördlich lizenzierten Propagandabetriebe zu sein«, mischte sich der Lehrer ein, der an einem Tisch weiter hinten in der Gaststube gesessen und die Zeitung gelesen hatte. »Sie spielen die guten alten Stücke wie ›Maurizio‹ und ›Der Gnom von Venezia‹, ›Ein Winternachtsmärchen‹ oder ›Viel Gewese um Unwesentliches‹. Die habe ich früher mit meinen Schülern aufgeführt.« Auch seine Miene war nun voller Sehnsucht.

Der Fuhrmann stellte seinen leeren Bierkrug ab und warf dem Wirt einen hoffnungsvollen Blick zu. Gustav schaute auf den Krug und schüttelte bedauernd den Kopf. »Du weißt doch, Jasper. Zwei Krüge darf ich jedem Bürger pro Tag ausschenken, keinen Tropfen mehr.« Er hob die Kanne mit dem Pfefferminztee vom Feuer.

Jasper hob abwehrend die Hände. »Bleib mir weg mit dem Zeug für kranke Pferde! Ach, was waren das noch für Zeiten, als unser gute König Ferd...«

»Pschscht«, zischte Lene, das Schankmädchen, und stieß ihn im Vorbeigehen an. »Da hinten sitzt Mathis!«

Die Männer verstummten und steckten die Nasen in ihre Krüge und Becher, und die Wirtin verschwand türenklappend in der Küche. Gustav begann schweigend damit, Gläser zu polieren.

Jasper räusperte sich rau. »Das Fest zum Jahrestag wird sehr prachtvoll.«

»Ja«, erwiderte der Lehrer matt. »Es gibt sicherlich eine schöne Parade und dann wird das Königliche Theater etwas Erbauliches aufführen, das uns unseren wunderbaren Herrscher in all seiner Glorie zeigt. Ihr erinnert euch sicher an die Aufführung zum Wiegenfest unseres Königs. Die goldstrahlenden Himmelsboten, die sein Lob sangen, und dazu der liebreizende Kinderchor? Das war doch große, staatstragende Kunst, nicht wahr?« Er seufzte und widmete sich wieder seiner Zeitung.

Gustav klirrte mit seinen Gläsern. »Staatstragend, groß und erhaben. Wie es unserem Herrscher gebührt, ganz recht, Ludwig.« Er biss grimmig auf seinen Schnurrbart und schien an seinen Worten beinahe zu ersticken.

Jaspers Blick irrte zu dem dunklen Winkel neben der Tür, in dem schweigend und starr der Gendarm hinter seinem Becher Pfefferminztee saß. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass er hereingekommen war. Es war immer so, dass man sie nicht bemerkte. »Das ist die wahre Geheimpolizei«, hatte der Lehrer in einer unbeobachteten Minute gespottet. »Jeder kennt unsere Gendarmen von Angesicht, aber sie bewegen sich so still und leise, dass man sie übersieht.«

So war es. Still und leise, unbeweglich wie ein Türstock, ohne zu atmen oder zu sprechen, allgegenwärtig und immer dann zur Stelle, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnete.



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